CHEFDENKER und THE SHOCKER - 18.02.06 Zittau, Emil

Chefdenker Live in Zittau - Eine von hundert Mikrowellen Tour 2006Ach Du Scheiße! Zittau! An der polnischen Grenze! 700 km! Mehr geht innerhalb von Deutschland einfach nicht mehr! Ich überlege noch kurz, ob ich nicht einfach den Bandbus in Brand setze, und am besten mich direkt mit, aber RockīnīRoll ist und bleibt kein Lehnstuhl, also ab auf die Piste. Gurk gurk. Brumm brumm. Kilometer fressen ahoi. Ich biete zwar auch mal kurz an ein paar Kilometer zu fahren, aber werde dezent überhört. Umso besser, ich fahre eh nicht gerne, denn ich habe viel zu viel nachzudenken: Geh ich an der nächsten Raststätte kacken? Ja? Nein? Ja? Nein?

Stunde um Stunde vergeht, gähn, und endlich abends kommen wir in Zittau an, und Claus haut beim einparken ne wunderschöne Beule in den Bus, aber Profi wie er ist, genau da, wo eh demnächst ein neues Blech eingeschweißt wird. Jetzt verstehe ich die Sache auch: Deshalb hat der Frank damit ein Jahr lang gewartet das scheiß Blech da reinzuschweißen, weil er sich schon gedacht hat, dass der Claus in Zittau da ne Beule reinfahren wird. Alter Profi! Ich bin erstaunt!

So. Fünf Bands. Riesengetümmel. Hin und her. Das Konzert heute findet im Zuge von so einem Rocking all over the World-Festival statt, was zwei Tage geht, und sogar eine amerikanische Band ist hier, THE SHOCKER.

Prima Essen gibt es hier, und der bunt zutätowierte SHOCKER-Gitarrist Ronnie James, mittlerweile Ende 30, entpuppt sich als kleiner Experte in Sachen Metal und Punkrock, während die Bassistin (Thomas gibt ne 12, ich ne 14, hinterher einigen wir uns professionell auf 13!) und Sängerin einfach nur rumsitzen und nett aussehen.

Die so genannte Tourmanagerin stresst von vorne bis hinten nur ab, bis sie endlich merkt, dass das kein Mensch braucht, und endlich von ihrem Trip runterkommt.

So.

Soundcheck. Erst wir, super Sound, dann soll nur noch die Band Soundcheck machen, die als erstes spielt: PRAWDA aus Poland. Super Typen! Der Sänger: 130 kg schwer, Glatze mit kleinem Zopf hinten, Schlägervisage! Der Gitarrist: Klein, Brille, Goldkettchen und dicke Goldringe am Finger, und ganz nebenbei der einzige von denen, der wenigstens ein bisschen englisch spricht. Egal, Kontaktaufnahme leicht gemacht, zum kickern rausfordern, kurz kalt machen und auslachen. Mal sehen wie die reagieren...

Chefdenker Live in Zittau - Eine von hundert Mikrowellen Tour 2006Finden die lustig und laden mich zum saufen ein! Super! Die setzen sich also an einen Tisch, packen ne Pulle Schnaps und n paar Pinnchen aus, und hauen sich den in den Kopf. So praktisch als Trostpflästerchen weil sie beim Kickern verloren haben.

Scheiße! Wie mach ich denen denn jetzt klar, dass ich noch so rund sechs Stunden aufs Konzert warten muss, und mich schlecht jetzt schon wegbrezeln kann. Hm. Noch während ich drüber nachdenke haben die Jungs bereits zu dritt, also mit einem mitgebrachten polnischen Kumpel der Band, die komplette Flasche Schnaps weggesoffen! Einfach so! Schneller als ich die Saiten meiner Gitarre gewechselt habe!! Also echt mal gar nicht schlecht! Ich bin doch ein bisschen beeindruckt!

Dann kommt der Mischer um die Jungs freundlich zum Soundcheck zu bitten. Keiner reagiert, nur der Gitarrist winkt kurz ab, schüttelt mit dem Kopf und sagt: "Linecheck."

Wow! Super Typen! DIE wissen noch watt Punkrock is! Neiß von den SUPERFREUNDEN wäre hin und weg!

Ja, während die ersten Bands das ziemlich volle Räumchen da unten rocken, sitzen wir oben im Backstageraum und erfahren von den Jungs und Mädels von THE SHOCKER, dass die bei ihrer fünfwöchigen Europatour (!) doch tatsächlich so eine interne Punkteliste haben, also wer wann rumknutscht und rumfickt. Ha! Hat doch wohl jede anständige Rockband!

Bei denen allerdings geht die Liste von eins bis hundert! Watt soll datt denn für ne Liste sein? Da kommste ja von vorne bis hinten nur durcheinander! Also bei jeder halbwegs fähigen Rockband zählt die übliche, ganz normale Drei-Punkte-Liste! Die hat schon damals bei den HOSEN funktioniert, und ist im Laufe der Zeit immer nur noch weiter verfeinert worden, so dass man jetzt mit Fug und Recht sagen kann, dass die Drei-Punkte-Liste die Richtige ist!

DIE Richtige!

Egal, jedenfalls liegt Ronnie James mit dreihundert Punkten oder so vorne. Thomas bemerkt sofort, dass das umgerechnet gerade mal läppsche neun Punkte sind. Für fast fünf Wochen Tour! Ja wie erbärmlich ist das denn bitte? Kriegen die natürlich sofort auf die Nase gebunden! Prüde Amis. Aber echt.

Alles scheißegal, weil: Irgendjemand erzählt mir, dass die THE SHOCKER-Sängerin Jennifer Finch damals bei L7 Bass gespielt hat! Was? Ich falle umgehend auf die Knie um ihr die Füße zu küssen! Bei L7! L7!! Ich packs nicht!

Ich kriege es nicht auf die Kette!

Chefdenker Live in Zittau - Eine von hundert Mikrowellen Tour 2006Na gut, zugegeben, diese Indie-Scheiße konnte sich kein Schwein anhören, aber immerhin war die ewig mit FAITH NO MORE auf Tour, war in einer Band mit Courtney Love, kennt die NIRVANA-Scheißer, BAD RELIGION und weiß der Henker was alles für namhafte Rock-Arschlöcher!

Und jetzt sitzt die an der polnischen Grenze in Zittau auf einem abgeranzten Sofa nebem dem übermächtigen Kollegen, der bei CHEFDENKER Gitarre spielt, für die sie gleich Vorband machen muss. HÄ! Ich geh mir schnell einen runterholen, jippie!!

Gut, THE SHOCKER stackseln auf die Bühne und bringen feinen, gradlinigen L.A. Rotzrock, bei dem Jennifer wie von der Tarantel gestochen auf den Knien rumrutscht, sich auf dem Boden wälzt, ins Publikum springt und dabei irgendwas rumschreit! Irgendwie schon geil, nur die Asseln in der ersten Reihe, die sich betont gelangweilt geben, passen nicht so ganz ins Gesamtbild, aber naja.

Gut, dann CHEFDENKER, fotografiert und bewundert von Jennifer Finch, die damals mal vor ausverkauften Stadien gespielt hat, bevor sie Vorband von CHEFDENKER sein durfte...

So, ich stehe also so auf der Bühne und baue meinen Kram auf, da fängt das Publikum an zu johlen als hätten sie eine Fußballweltmeisterschaft gewonnen. Hä? Watt is denn jetz? Wir haben doch noch gar nicht angefangen. Ich drehe mich also rum, um zu gucken was Sache ist, da stackselt Thomas zum aufbauen auf die Bühne, in einer Hand ein Köfferchen mit Kabeln und sowas drin, in der anderen Hand seinen Bass, aber: Nackt!

Nackt, ich geh um! Jetzt hat er sich tatsächlich selber übertroffen und kommt sogar schon nackt zum aufbauen auf die Bühne! Also da spende ich auch noch Applaus, kein Wunder das alle total begeistert sind!

Gut, wir legen los, und: Geil! Vom ersten Ton an werden wir abgefeiert wie die Götter, bis in die letzten Reihen, vorne astreiner Pogo, hinten ein Meer an Punkrockfingerchen in der Luft, alle grölen mit, und entgegen aller Erwartungen ist unser Publikum hier überhaupt nicht asselig, sondern im Gegenteil eher genau so wie man sich das wünscht, also so ganz normale Leute halt, n paar Rocker, paar Kids, paar Dezent-Punker, alles super im Rahmen und total geschmeidig! Da hat sich die ewig lange Scheißfahrt direkt schon gelohnt, sehr geil!

Chefdenker Live in Zittau - Eine von hundert Mikrowellen Tour 2006Natürlich gibt es neben Thomasī Pimmel die komplette Rockshow-Palette mit übertriebenem Posing und sogar Schneeflöckchen Weißröckchen vom Claus, all inclusive praktisch, was ein Gottspaß, und in der ersten Reihe winken zwei Typen permanent mit Pik Ass-Karten, wovon ich mir natürlich umgehend eine schenken lasse und an die Gitarre klebe! Guck ma, bin jetz auch Rock!

Publikum eins mit Sternchen, Konzert eins mit Sternchen, Sound ebenfalls, Spaßfaktor auf Anschlag, laut Matze eines der besten fünf Konzerte überhaupt, und damit könnte er völlig Recht behalten! Stagediver, die meterweit in der Gegend rumgetragen werden, super Party, alles friedlich, alle saufen sich ins Wachkoma, einfach unbeschreiblich gut! Hat man echt nicht alle Tage!

Jedenfalls Konzert Ende, und für die fleißigen Zugabenrufe gibt es noch Höllenfeuerlicht um sich noch ein letztes Mal auszutoben, und triefend nass beenden wir den göttlichen Spaß hier! Danke! Supergeil!

Ja, ich setze mich zu Jennifer Finch auf die Couch im Pennraum, und zusammen gucken wir uns an wie sich einer nach dem anderen halb tod, torkelnd und lallend pennen legt, und als letztes gehen übrigens die schweren polnischen Jungs Haja machen, die sich schon vor mittlerweile vierzehn Stunden völlig abgeschossen haben, also doch schon ein bisschen cool!

Jedenfalls erzählt Jennifer (auf mein Quengeln hin) ein paar großartige Anekdötchen aus dem Nähkästchen, dass Taime Downe zum Beispiel, Sänger von FASTER PUSSYCAT, mittlerweile Schwerstalkoholiker ist und noch beschissener aussieht als zu seinen besten Tagen, so richtig mit 80er-Haarspray Frisi und aufgequollen durch den Alkohol und so, und dass sie zum Beispiel ne Zeit lang mit dem NUCLEAR ASSAULT-Sänger gefickt hat, der aber total scheiße im Bett ist, und dass ich das doch bitte für mich behalten soll (!?), und das der EXODUS-Gitarrist ihr WG-Mitbewohner und n total netter Typ ist, und das sie schon an der Nadel hing, da war sie noch nicht mal volljährig, und die Scheiße hat sie fünf Jahre lang durchgezogen bevor sie clean wurde, und all so ein Rotz!

Chefdenker Live in Zittau - Eine von hundert Mikrowellen Tour 2006So sitzen wir bis zum nächsten Morgen zusammen, ich lasse mich dabei vollaufen, und sie guckt mir dabei zu, weil sie weder säuft noch Drogen nimmt. Verständlicherweise. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie Jennifer Finch von L7 ist (was sie vielleicht sogar glaubt), und das es irgendwie n bisschen cool ist diese ganzen verkackten L.A. Rockstars zu kennen, aber sie findet das alles doof. Ich versuche ihr zu erklären, dass es nicht ganz normal ist als Teenager in einer Band zu spielen, die Welttourneen klarmacht und damit n Haufen Geld verdient, aber sie hat keine Ahnung wie man es denn als Teenager nicht zum Welterfolg bringen kann... Zwecklos!

Aber egal: Ich brauche ein T-Shirt "Jennifer Finch likes me!" Oder: "I headlined Jennifer Finch!"

So. Alles super, Rückfahrt, ein Stück Rockgeschichte mehr geschrieben, drei Tittenhefte verbraucht, ein Beule mehr im Bus und ich bin jetzt mit Jennifer Finch auf Du und Du!

Janina entpuppt sich als recht Tourtauglich, denn die hält die komplette Rückfahrt schön artig die Fresse, um auch ja keinen zu nerven, und sagt nur einen einzigen Satz, nachdem Thomas leicht stinkig erwähnt dass die zwei gestern Abend ja gar nicht gefickt haben. Janina (zündet sich n Kippchen an): "...an mir lags nicht."

Soweit, so gut!

Prost. KOLLEGE 02/06