CHEFDENKER und DIE SCHREIER - Kötersoli - 30.05.2004 Stöckartstr.16, Leipzig

Dem Herrn sei Dank! Vor zwei Tagen hatte ich Geburtstag, und überraschenderweise fällt mir keiner damit auf den Sack, im Gegenteil, zum Glück haben es alle vergessen. So kriege ich auch keine dämlichen Torten in die Fresse, oder ähnliche Einfältigkeiten von meinen Bandkollegen präsentiert.

Und noch was: Mein persönliches, hundertstes Konzert ist auch schon ein paar Auftritte her. Das ist zum einen toll für mich zum selber-auf-die-Schulter-klopfen-und-geil-finden, und zum anderen war ich deswegen auch schon auf jeglichen dummen Scheiß vorbereitet, angefangen von Hundescheiße im Schuh bis hin zu watt-weiß-ich-nich! War aber alles nicht! Ätsch, verpasst.

Manchmal, ganz selten, hat der liebe Gott auch den kleinen Kollegen ein bisschen gern.

Heute spielen wir ein Soli für einen Köter, der mal angefahren wurde, und die Besitzer wollen mit den Einnahmen die Arztrechnung blechen. Passend zum Anlass nehmen wir uns vor, abgeschraubt bis sonstwohin auf die Bühne zu stolpern und ausschließlich "Filmriss" zu covern. Wenn es sein muss auch hunderttausend Mal. Damit wollen wir den anderen, angekündigten Bands "KOTZFRONT" und "STÖKRAFT 08/16" mal zeigen, das der Kölner Pankrockhammer immer noch am höchsten hängt! (Beide Bands spielen aber hinterher doch nicht. Warum nicht? Lappen?)

In Leipzig angekommen gehen Frank und ich erstmal vor die Tore des nebenan stattfindenden Gothic-Festivals, trotz Motzerei von allen anderen. Wir sind ja nicht bescheuert und lassen uns eine Horde von schwarz gekleideten Halbmetaller-Ladys entgehen, die sich in Lack und Leder gehüllt so viel Mühe geben wie man es sonst nirgendwo anders geboten bekommt. Und Leckomat, das lohnt sich tatsächlich! Allerdings gehen wir nicht rein, weil uns 65 Euro auf Anhieb doch ein bisschen zu teuer erscheinen, für den Soundtrack zur Vergänglichkeit allen irdischen Seins!

Na gut, ab zur Stöckartstrasse, sehr nette Irojungs empfangen uns und wir machen uns kräftigst locker. Ich versuche mit meinem Plakat der Bibeltreuen Christen ein paar neue, Bibeltreue Schlabberiropunx zu rekrutieren, aber irgendwas mache ich wohl falsch. Ein vorbeigehender Opa sieht das Schild, zieht die Augenbraue hoch und erwähnt kurz: "Joh, damals war auch Krieg im Namen des Herren, und dann ging es an die Front zum gegenseitigen Erschießen, und der Dorfpfarrer stand in der Zeit in der Küche und war am kochen! Ich wünsch euch noch n schönen Abend."

In der äußerst lässig geführten WG sitzen ein paar Hip Hop-Kiddies rum und quarzen sich brack, und ich lerne den Wauwau kennen, für den wir heute Abend spielen. Dem geht es soweit schon wieder prima und das Konzert am Arsch vorbei. Sowas.

Zum weitersaufen geht es nochmal vor einen anderen Club, wo ebenfalls Gothics rein- und rausmarschieren, die da in Leipzig übrigens abfällig "Gotnoten" genannt werden, und da erfahre ich, das sich die Pankers und die Gotnoten gar nicht verstehen. Hm, war mir neu, komische Sitten da hinten. Naja, kaum wird es Abend verkacke ich auch schon wieder amtlich (verdammt nochmal, ich werde wohl alt, oder was?) und verpasse somit die Ankunft vom Haidi und von den Berliner DELIKATen. In diesem Zusammenhang hat der Gitarrist der DELIKATen, der Chrü, übrigens einen schlimmen Fehler begangen: Obwohl er nur ins Auto hätte einsteigen und mitfahren brauchen, bleibt er grundlos in Berlin. Somit hat er sich die Auszeichnung "Lappen des Monats" redlichst verdient.

Der Arme, so schnell wird er das nicht wieder los!

Schon wieder werde ich zum spielen geweckt. Das ist hart. Aber gerecht! Alle abgeschraubt, nur ich bin durch mein Nickerchen ziemlich zurückgeworfen. Also schnell aufholen, husch husch.

Wir bauen erst gar keinen zweiten Gitarrenamp auf, weil datt mehr Pank is. In dem kleinen Konzerträumchen im Hinterhof, in das liebevoll eine Theke gezimmert wurde, stehen ein paar kleine Combos (nä watt süß!), und mit zwei Handvoll Leuten Publikum ist es da schon ziemlich voll.

Claus setzt sich mit seinem Rotweinglas rauchend (!) auf die Theke, die neben mir steht, und fürn Thomas bleibt nur noch der Platz zwischen den Leuten. Perfekt. Und schon geht die Show los: Claus kündigt an, das wir heute nur "Filmriss" spielen, und alles bricht in Jubel aus. Mein Gott, wie erwartet. Ja, dann eins vier zwö - Filmriss gö. Vor mir fliegt ein Typ beim pogen aufs Gesicht, Blut spratzt (aua!), dann wird er weggetragen. Und nochmal Filmriss, und nochmal, uuund (zur Abwechslung) noch ein paar Mal. Alle sind begeistert. Dann probiert Claus den Text vom "Nackten Golfer" auf die Filmriss-Akkorde zu singen. Klappt gar nicht mal so gut, egal, juchee, alle freuen sich.

Jetzt schreit mir der erste ins Ohr, das es aber bald langweilig wird, wenn wir immer nur das eine Lied spielen. Ach, ehrlich? Joh, dann machen wir halt Filmriss auf Ragga getrimmt, wie alles heute komplett ungeprobt, Matze ist so locker, der spielt direkt im stehen, danach Filmriss auf Hip Hop. Claus rapt und zappelt dabei ab, und ich geh um vor Lachen! Unangefochten! Irgendwann wird das ewige Filmriss-Gedudel so öde, das wir mal was von uns spielen. Mist, inkonsequente Kackband! Punktabzug! Aber zumindest singt Claus den Filmriss-Text auf die "16 Ventile in Gold"-Akkorde. Dann (überraschend) Filmriss, aber als Ballade, danach mal im Dreivierteltakt, während Punks sich in den Armen liegen und Walzer tanzen! Ich glaub es schneit!

Zwischendurch kloppt auch ma der Frank auffet Trömmelche, dann darf das Carolitachen auch ma ran (Carolitenpferd, Super-Elita-Carokeineahnungwattnochallet). Naja gut, wenn man eh schon mal dabei ist..., und immer wieder der eine Kacksong.

Noch hundert Mal dasselbe, danach bringt der Clausomat eine Clausomaten-Aktion, indem er auf der Theke sitzend alleine akustisch alten Knochenfabrik-Kram bringt, den er aber selber nicht mehr spielen kann. Soviele Leute habbich noch selten gleichzeitig den Kopf schütteln sehen.

Die ganze Scheiße, die mir vorkam wie zehn Minuten, hat doch tatsächlich - sage und schreibe - eineinhalb Stunden gedauert! Leck mich am Arsch!

Also irgendwas zwischen legendär und fiesestem Abfall. Ausgezeichnet! Damit haben wir das auch abgehakt, mir sinn ma wieder de lustichsten jewesen, aber nochmal so ein Quark kommt definitiv nicht in Frage!

Dann folgt eine Punkrock-Jamsession, die ihrem Namen alle Ehre macht, und die auch nur noch von den Allerhärtesten abgefeiert wird.

Matze unterschreibt auf Fö´s Landjäger Danach wird bis morgens uppjemaacht und jefeecht. Ganz überraschend. Und der Preis für die eleganteste Wortwahl geht, ebenfalls überraschend, an den Herrn Dr.Kremer, für seine Bestellung eines Getränks bei der Angestellten einer Tankstelle: "Jetz feech ich mir erstmal ganz geschmeidich ne Ostzonen-Cola rein." Und ganz überraschend hat sich die Idee gefestigt, mit meiner Zweitband, den DIE THE ATOMAREN ÜBERMENSCHEN, mal eine Platte zu machen, auf der so einiges an Gastmusikern vertreten sein sollte! Während der zehn Stunden Rückfahrt hören wir noch so in etwa fünfzig Mal den Überhit der mächtigen PARASITEN "Berlin", wobei wir uns nicht sicher sind, ob man jetzt auch mit dem Bus nach Berlin fahren dürfte, ohne die Aussage des Liedes zu zerstören, oder ob es auf jeden Fall ein Corsa sein muss. Wenn nicht sogar DER Corsa. Würde mich, ehrlich gesagt, nicht mal überraschen!

Prost!