07.06.2003 Torgau, Brückenkopf - CHEFDENKER, KNÜPPELDICKE, THE TEENAGE KINGS

08.06.2003 Eberswalde, Exil -
CHEFDENKER


CHEFDENKER im Osten! Meine Fresse, so eine Osttour kann ja alles! Ist zwar eine Menge beschissener Fahrerei, wenn man ausgerechnet vom anderen Ende des Landes kommt, aber irgendwie lohnt es sich doch. Alles kann man ja auch auf Anhieb gar nicht erzählen, aber so eine grobe Kurzfassung dürfte auch genügen.

Aber eins nach dem anderen. Freitag morgen verstaut der Thomas erst mal alle nötigen Instrumente und Topteile in seinem riesengroßen Fiat, der uns die nächsten drei Tage hoffentlich sicher über tausend Kilometer gurken wird. Passt. Und zwar gerade so, das wir vier so eben noch reinpassen. Na und? Es scheint nicht jeden Tag die Sonne! Also los geht’s.

Hier ein Stau, da ein Stau, heißa und juchhe, zum Glück liegt kein Schnee. Dafür kriegen wir in der Bullenhitze kaum Luft, aber mit AC/CD im Kassettendeck braucht man eh nicht atmen, da hat man alles was man braucht. Elf Uhr war Abfahrt, neun Uhr Abends ist dann auch schon Ankunft: Das Leben ist kein Ponyhof!

Alles klar, diesmal wird drinnen mit zwei anderen Bands gespielt, und nicht wie letztes Jahr mit den mächtigen DIE THE ATOMAREN ÜBERMENSCHEN draußen als erster vor zehn anderen Kapellen. Das klingt also schon mal ganz ordentlich.

Drinnen steht der gleiche, zwei Meter hohe und supernette Mischer, der sich sogar noch an die Übermenschen erinnert und die Meinung vertritt, das wir doch mit Absicht so schief gespielt haben damit es komisch wirkt. Äh, nö, wir waren ganz einfach unfreiwillig scheiße, aber schönen Dank. Die andere Band am heutigen Abend heißt THE TEENAGE KINGS, kommt aus der Schweiz und das sind drei sehr nette Jungens, denen es auch scheißegal ist ob sie als zweites oder als drittes spielen. Gut, wir einigen uns darauf das sie den Headliner markieren sollen. Das ist natürlich wieder in soweit prima, als das wir rechtzeitig zu saufen anfangen können.

Über dem Konzertraum sind sieben Proberäume mit lauter Punkbands, und einer von „DIE JUNGS“ leiht mir sogar seinen Kajal. Der erzählt mir dann auch das die erste von insgesamt drei Bands des heutigen Abends „KNÜPPELDICKE“ aus Torgau sind. Meine Herren, ich wäre beinahe vor Freude geplatzt. Der mächtige Mieschka Mayonnaise von der übermächtigen BOCKWURSCHTBUDE (www.bockwurschtbude.de) hat mir nur gutes berichtet, zum Beispiel das die Leute auf die Bühne kommen und superlau mit der Ansage beginnen: „Mir sin Knüppeldicke aus Torgau un unsa erstet Lied is jegen det System.“ Oder: „Nächste Lied handelt davon det ma morjens uffwacht und nich weiß was war - also weitersaufen.“ Total geil. Also nix wie schnell leckeres essen einfahren und zugucken. Und tatsächlich: Vier Typen, amtlich mit allen Arten von Iro verziert, von seitlich gekämmt bis einen großen in der Mitte plus einen kleinen an der Seite. Der Gitarrist spielt witzigerweise eine rote BC Rich Metalaxt und der Sänger bepisst sich selber die ganze Zeit vor lachen bei seinen Ansagen. Beispiel: „Dat nächste Lied is gegen...“ dann guckt er auf seine Liste was überhaupt dran ist, überlegt kurz, sagt dann: „...äh...Kapitalisten!“ Ich hab mich fast weggeschrien, saugeil! In den Texten geht es ausschließlich darum, das alle sie mal am Arsch lecken können. Perfekt. Musikalisch wie erwartet Drei-Akkord-Knüppelpunk.

Backstage lerne ich den Dirki kennen. Das ist der Typ, der für uns die zwei Gigs klargemacht hat und von da an freiwillig als Bandnutte fungiert und sich unser hohles Gesütter anhört. Selber schuld!

Dann wir lustigen CHEFDENKER. So langsam schießen sich die Torgauer Jungens und Mädels gut ab, deswegen haben wir Glück jetzt schon zu spielen. Der Sound ist OK und die Leute gucken zwar alle nur und gehen nicht ab, was aber nichts macht weil es sehr zu gefallen scheint! Ein Typ fällt beim sitzen auf der Bühne um und pennt sich erst mal aus, das Bier aber sogar im Tiefschlaf fest im Griff. Die wichtigen Sachen gehen nicht verloren. Muss wohl witzig ausgesehen haben, wie wir die ganze Zeit über den drübersteigen mussten. Claus und Matze mit amtlichem Schleim-Seitenscheitel und Claus bringt ein paar ewig lange, pseudointellektuelle Schwachsinnsansagen, die, wie mir hinterher berichtet wurde, wohl saugeil waren und super ankamen. Aber Witzigkeit kennt ja bekanntlich keine Grenzen. Natürlich reißt dem Claus und mir jeweils einmal eine Saite, aber da unprofessionelle Scheiße (UPS!) nicht in Frage kommt steht Ersatz parat und keiner merkt was. Dann macht der Claus noch einen Spendenaufruf für die Band und ich finde keinen geeigneten Platz außerhalb der Bühne zum rumposen. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Ein paar Asseln gehen voll auf das Tappingsolo ab (?????), und bei der butterweichen Ballade tanzen die Mädels. Super Konzert, Riesenspaß, AB als Zugabe, Ende.

Ich hole mir von allen Seiten Lob ab, mein Ego wird aufgebläht das es nicht mehr durch die Tür passt und als ich dann Backstage endlich zu saufen anfangen wollte, was muss ich sehen? Kein Bier mehr da! Ich war kurz davor Amok zu laufen als der Dirki mal kurz rausging und mit einem Kasten Bier wieder in der Türe stand. Ah, so muss eine anständige Bandnutte sein.

Dann die TEENAGE KINGS. Meine Fresse, dreckiger Rotzrock in Vollendung, nur der Bassist scheint breit zu sein, denn der bewegt sich nicht einen Meter. Na ja, man kann nicht alles haben, außerdem bin ich die ganze Zeit damit beschäftigt mir erzählen zu lassen wie toll wir doch sind. Ja ja, ich gebe mich beschämt und lass mir die Eier kraulen. Dann reißt dem Gitarristen/Sänger eine Saite und das Konzert verstummt für kurze Zeit weil er seine Gitarre aus dem Backstageraum holen muss. Bitte?? Als das Konzert zu Ende war hab ich ihn erst mal kräftigst rund gemacht und ihm mal aufgetischt ob er in einer Schülerband mit neunjährigen spielt, und das ganze habe ich so lange durchgehalten bis er es eingesehen hat und mir Recht gab.

Von da an wurde prima gesoffen und es war eine wirkliche runde Party. Bemerkenswert war die Veranstalterin Conny mit dem hundert Meter hohen Iro und den äußerst knappen Bekleidungseinheiten. Der Thomas bemerkt einen Kerl der sich genüsslich in aller Öffentlichkeit einen blasen lässt. Na, das nenn ich mal lässig. Der Claus musste sechs Mal zur Pension gurken um alle Mann da hin zu schaffen, denn der Teenage-Fahrer war stramm wie Sau und wollte in seinem Bus pennen. Später gab er zu Protokoll er wollte unbedingt noch wichsen. Der Dirki meinte auch noch ganz schlau sein Auto ein paar Meter umparken zu müssen und bog bei der Gelegenheit gleich mal ein paar Begrenzungen zurecht. Was er beim ersten Anlauf noch nicht getroffen hatte nahm er aber dann artig beim zweiten Mal mit. Glückwunsch. Als ich mich in der Pension angekommen gerade hinlegen wollte machten sich die Kings auf zum Fluss. Da musste ich natürlich hinterher. Fehler. Da wurde noch prima gesoffen bis es hell wurde und allerlei wichtige Sachen erzählt, so das am Schluss satte drei Stunden Schlaf für mich drin waren.

Egal, ich war trotzdem als erster wach und das Frühstück war prima, vor allem weil aus dem Auto die DREI BESOFFSKIS und die PARASITEN erklangen. Die anderen, doch etwas älteren Gäste waren äußerst angetan.

Mit Dirkis Karre und unserem vollbepackten Fiat auf Richtung Eberswalde. Eberswalde liegt ganz rechts oben am letzten Zipfel von Deutschland an der polnischen Grenze. Das lädt natürlich geradezu herzlich ein, dämliche Witzchen zu machen, die ich aber mal dezent unter den Tisch fallen lasse. Im Auto ist echt scheiße mit pennen und irgendwann sind wir auch schon im Kaff und gurken hin und her bis wir im hinterletzten Winkel ein paar kleine Räumlichkeiten finden: Das Exil. Die Veranstalter sind zwei nette Leute die erst mal dickes essen klarmachen, und der Rest der Truppe ist ebenfalls ziemlich cool. Der Mischer zeigt schon beim Soundcheck das er sehr fähig ist und der Raum ist geradezu ideal. Als „Vorband“ läuft das Slime Schweineherbst-Video auf einer Leinwand. Die Gelegenheit nutzen wir uns mit den einheimischen Metallern zu verbrüdern. Die motzen die ganze Zeit darüber, das in Eberswalde nichts los ist. Vor der Tür treffe ich den Bierschinken-Chrü und seinen Kumpel, die sich eine halbe Weltreise mit stundenlanger Rennerei antun nur um uns zu sehen (www.bierschinken.net). Respekt. Bierschinken all over the world and there is no escape from Bierschinken, und so weiter. Sogar der mächtige Mieschka beehrt uns mit seiner Anwesenheit. Dann legen wir mit einem sauguten Sound los. Nett gefüllt wäre übertrieben, aber es waren schon einige Mann da. Die Stufen an der Seite bieten wieder prima Gelegenheit zum Pimmel raushalten und rumposen und das Konzert verläuft ziemlich glatt, obwohl der Claus vorher kaum noch bei Stimme war. Kommt davon wenn man als Sänger Abends nicht artig ins Bettchen geht sondern noch lange im verräucherten Raum wach bleibt. Danach alles wie gehabt. Lob abholen, saufen, alles geil. Ein paar Leute verstehen da irgendwas nicht richtig und fragen ob wir momentan auf Deutschlandtournee sind. Jemand anderes fragt ob wir nicht jeden Abend viele neue Leute kennen lernen und ob wir die überhaupt alle wiedererkennen. Noch jemand anderes fragt warum wir denn in so einem kleinen Schuppen spielen wie das Exil hier. Och wie süß, die halten uns für Rockstars. Kurze Aufklärung tut Not, kommt aber nicht so richtig an. Na ja, ich habe es versucht, mein Gewissen ist rein. Der Veranstalter ist irgendwann nach Hause gegangen. Dirki organisiert Bier, der Typ hinter der Theke meint Dirki müsste bezahlen. Dirki entgegnet das er die Gage noch nicht bekommen hat und nicht weiß wovon er das Bier bezahlen sollte. Kurz später bringt der Thekenmensch noch Biernachschub mit der Begründung er habe ein schlechtes Gewissen. OK! Ich kriege noch lecker Whiskey und der Thomas sinnlos ein paar aufs Maul angeboten. Hat er aber dankend abgelehnt. Mit ein paar kuriosen Schattenspielen und Hits wie „Mach mir doch kein Knutschfleck“ eier ich langsam ins Bett.

Kurz später werde ich geweckt und gefragt ob ich den Schlüssel für die abgeschlossene Tür zum Konzertraum habe. Nein. Aber weil die Veranstalter jetzt zum Fußball müssen, brechen sie kurzerhand die Tür auf. Bier geht nun mal vor, wie mir scheint. Dann sind alle weg und die Türen stehen alle offen. Zum Bier, zur Anlage, zu den CDs und nach überall. Lässige Jungs mit großem Vertrauen.

Gut, noch kurz in den Eberswalder Zoo und dann ab in die Heimat. Weil Claus unbedingt fahren will weil er sich dann sicherer fühlt können Matze und Thomas umgehend anfangen zu saufen während ich verzweifelt versuche auf der Rückbank vom Fiat auf meinen mir zugeteilten zwanzig Quadratzentimetern den dringend benötigten Schlaf nachzuholen. Das Leben ist ja eines der schwersten.

Aber falls die Ladys von LILI (www.lili-pop.de) beeindruckt sein sollten, und ich weiß, das werden sie sein, dann – ja dann – hat sich ja wie immer alles gelohnt!

Prost.